Das Märchen «Vom Fischer und seiner Frau» aus der Sammlung der Brüder Grimm gehört zu den eindrücklichsten und zugleich beunruhigendsten Erzählungen ihrer Zeit. Bevor wir uns der vielschichtigen Symbolik und den psychologischen Dimensionen dieses Märchens zuwenden, lade ich Sie ein, den Originaltext zu lesen. Das Eintauchen in die Geschichte erleichtert das Verständnis für die Dynamik zwischen dem Fischer, seiner Frau und dem verwunschenen Butt. In der anschliessenden Betrachtung werde ich aufzeigen, welche Kräfte in dieser Beziehung wirksam sind, welche inneren Konflikte sich spiegeln und warum die Themen von Gier, Unzufriedenheit und Selbsterkenntnis bis heute relevant sind.
Psychologische Bedeutung des Märchens «Vom Fischer und seiner Frau»
Es handelt sich hier also um einen Fischer, der regelmässig und monoton («alle Tage», heisst es im Märchen) am Wasser sitzt, seiner Arbeit nachgeht und nichts Besonderes vom Leben erwartet.
Mit seiner Frau wohnt er in einem «Pisspott», ein deftiger Ausdruck für eine «beschissene» Wohnsituation. Seine Frau beschreibt diese so: «Es ist übel; das stinkt und ist eklig.» Dieser Pisspott sagt aber auch etwas über die Beziehung der beiden aus. Es ist eine viel zu enge Beziehung, und irgendetwas ist darin faul. Es stinkt in dieser Beziehung.
Ein untypisches Volksmärchen
«Vom Fischer und seiner Frau» ist untypisch für ein Volksmärchen. Anstatt mit einfachen Bildern und kargen Adjektiven zu arbeiten, ist es sehr detailliert ausgeschmückt, wie ein Kunstmärchen. Es hagelt darin von Übertreibungen, z. B. «zwei Reihen Lichter, das grösste so dick und so gross wie der allergrösste Turm bis hinunter zum allerkleinsten Küchenlicht». Oder: «das Wasser wurde ganz violett und dunkelblau und grau und dick und war gar nicht mehr so grün und gelb». Auch die Gefühle des Fischers werden sehr ausführlich beschrieben: «da kriegte er Angst und ging hin, ihm war aber ganz flau, und er zitterte und bebte, und die Knie und die Waden bibberten ihm.»
Das Märchen «Vom Fischer und seiner Frau» hat viele Facetten. Einerseits könnte man es als Albtraum ansehen. Es ist beängstigend. Ein Paar vertut seine Chancen durch Masslosigkeit («ich will, ich will»), und gleichzeitig führen sie eine Umweltkatastrophe herbei, eine Art Sintflut. Ihr Beispiel steht für die ganze Menschheitsgeschichte, die ihre Chance vertut.
Es ist aber auch ein volkstümlicher Schwank, eine Glosse und Übertreibung. Wir lachen über das Ehepaar, denn uns würde so etwas niemals passieren.
Oder doch?
Ein Teil der Partnerschaft ist unzufrieden (im Märchen ist es die Frau). Plötzlich tun sich Chancen auf, die ungeliebte Situation zu verändern, aus dem alten Trott auszubrechen. Der Partner oder die Partnerin (im Märchen der Fischer) empfindet die Beziehung bzw. Situation als in Ordnung und möchte nichts verändern. Dem Frieden zuliebe unterordnet sich ein Teil der Partnerschaft dem anderen, tut, was verlangt wird, und gibt so seine eigenen Bedürfnisse auf.
So eine Mann-Frau-Beziehung erschöpft sich schnell, es kommt zum Exzess, und es bleibt ein trauriges Resümee.
So ein in sich gefangenes Paar ergäbe bestimmt kein Märchen. Niemand wollte deren Geschichte hören; zu vieles erinnert schmerzlich an die eigenen ungenutzten Chancen, an die Übellaunigkeit, das schlechte Gewissen, die Angst vor Konflikten. Wäre da nicht noch der Butt, der Wünsche erfüllen kann.
Das Zuhause als Spiegel der Psyche
Ein Haus sollte ein Zuhause sein, ein Ort zum Wohlfühlen, ein Ort der Beziehung und des Zusammenlebens. Das Innere des Hauses ist vergleichbar mit der Psyche im Inneren des Menschen.
Dass in einem Zuhause aber nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen herrschen, ist, glaube ich, allen klar. Immer wieder muss man sich mit inneren und äusseren Konflikten auseinandersetzen. Wünsche tauchen auf, man hofft auf Erfüllung.
Sich etwas wünschen birgt aber auch Gefahren in sich und kann in Not führen. Die einfache Erfüllung von Wünschen macht nicht glücklich, sondern treibt die Wunschspirale immer wieder aufs Neue an.
So geschieht es anschaulich mit der «Ilsebill», der Frau des Fischers. Der Fischer erkennt die Situation. Er stellt immer wieder die gleiche Frage: «Bist du jetzt zufrieden?» Aber die Zufriedenheit stellt sich nicht ein.
Der Fischer weiss, dass materieller Wohlstand keine Zufriedenheit, kein Glück erzeugt. Und doch geht er immer wieder hin zum Butt und überbringt die Wünsche seiner Frau.
Er erkennt zwar die Gefahr, kann sie aber nicht aufhalten. Er ist mit seiner Frau verbunden. Sie ist seine andere Seite – die Seite, die mit der Wirklichkeit hadert und zweifelt, die kämpft und um Wohlstand, Prestige und Macht ringt. Auf Kosten des Zaubers und des inneren Friedens. Das Märchen zeigt deutlich: Es ist eine Gesetzmässigkeit – die Wunschspirale endet erst, wenn alles wieder zusammengebrochen ist.
So ist es auch mit einem Süchtigen: einem Alkoholiker, einem Spieler, im Konsumrausch oder bei einer Fress- und Kotzattacke. Die Süchtigen wissen um ihren Irrweg, können aber dennoch nichts ändern. Sie treiben die Spirale an, um endlich den Zusammenbruch herbeizuführen.
Ansätze für die Kunsttherapie
Für die Kunsttherapie sehe ich in diesem Märchen verschiedene Ansätze.
Der erste ist der enorme Geltungsdrang, immer mehr zu sein, anderen zu gefallen, unbedingt die Herrschaft zu halten und nichts – aber nicht das Kleinste – abzugeben.
Hier gilt es herauszufinden, warum und wann diese Verhaltensweise entstanden ist.
Die Ursache liegt vielmals bereits in der Kindheit verborgen. Durch das Gestalten setzt sich der Klient mit seinem «inneren Kind» auseinander, kann so herausfinden, was aus der früheren Kindheit verdrängt wurde und am Bild oder in einer anderen kreativen Gestaltung so verändern, dass eine Heilung eintritt. Der Klient hat es nicht mehr nötig, alles besitzen zu wollen. Ein innerer Friede wird wiederhergestellt. Er lernt auch wieder Vertrauen in sich und andere zu gewinnen und kann im besten Fall sein Leben im Miteinander und nicht im Herrschen gestalten.
Der zweite Ansatz wäre in meinen Augen der «Ja-Sager». Aus Angst, etwas verändern zu müssen, sein gewohntes Umfeld zu überdenken, immer nur zu nicken, führt zu Unzufriedenheit. Nachgeben um des Friedenwillens ist gut und recht. Sich selbst dabei zu vergessen und immer auf dem gleichen Stand stehenzubleiben, bringt niemandem etwas. Dem Partner nicht, den Freunden nicht und vor allem sich selbst nicht.
In der Kunsttherapie kann der Klient durch Gestalten, durch Aufstellungen oder Figurenspiel erkennen, wo er im Leben steht und wohin er will. Er lernt, Nein zu sagen und sich abzugrenzen. Sein Selbstwertgefühl wird gestärkt.
Zum Dritten stellt sich die Frage: Was würden wir fischen? Welche Verbesserungen wünschen wir uns für unser Leben? Wie können wir es angehen, die Verbesserungen herbeizuführen?
Dabei steht immer im Vordergrund: Wenn wir eine Veränderung im Leben herbeiführen möchten, müssen wir uns ändern. Auch hier kann Gestalten ein hilfreiches Mittel sein, an sich selber zu arbeiten, um gewünschte Veränderungen herbeizuführen.
Heilung braucht Zeit
Eine Verbesserung oder gar Heilung tiefsitzender Probleme ist ein längerer Prozess. Wer denkt, eine Zeichnung oder ein Bild machen zu können – und dann hat es sich erledigt –, ist fehl am Platz. Es braucht Mut, sich auf sein Inneres einzulassen und eine Veränderung anzunehmen.
In meinem kleinen Atelier bietet sich ein geschützter Rahmen an, um sich in Ruhe seinen Problemen zu stellen. Ich unterstütze und helfe gerne dabei, eine Lösung zu finden.
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